„Feministisch sein ist eher eine Selbstverständlichkeit als eine Entscheidung“, sagt Alexandra Tiry und nimmt noch einen Schluck von ihrer Cola, im kleinen Café in der Altstadt der nordfranzösischen Metropole Lille ist es voll und laut. Die 21-jährige Französin trägt einen braunen Rock und einen grauen Pullover – sehr unauffällige Kleidung für jemanden, der Teil der weltweiten Bewegung der Slutwalks ist und Anfang Oktober einen solchen ‚Schlampenmarsch’ [frz. : Marche des salopes] in Lille organisiert hat. „Wir waren zwischen 15 und 25 Leute. Frauen, aber auch Männer“, berichtet Tiry, die sich seit zwei Jahren für die Organisation ‚Osez le féminisme’ [dt. : ‚Feminismus wagen’] engagiert. Den Slutwalk in Lille allerdings hat die junge Frau ohne deren Hilfe auf die Beine gestellt. ‚Osez le féminisme’ unterstützt die Bewegung laut Tiry aus zwei Gründen nicht : „Erstens wurde der Slutwalk in Paris vom STRASS [‚Syndicat du TRAvail Sexuel’, dt : Gewerkschaft der sexuellen Arbeit, Anm. d. R.] organisiert, also war es eher eine Demonstration für die Prostitution. Und der Name der Märsche macht ‚Osez le féminisme’ auch Probleme.“ Tatsächlich wirkt der Name zunächst etwas merkwürdig. Warum überhaupt eine feministische Demonstration Slutwalk nennen ?
Gegen die Täter-Opfer-Umkehr und den Vergewaltigungsmythos

- Die junge Frau beim Slutwalk London macht darauf aufmerksam, dass viele Vergewaltigungen in der Partnerschaft geschehen.
Quelle : http://www.flickr.com/photos/garryk...
Angefangen hat alles in Kanada. Im Januar diesen Jahres sprach der Polizeibeamte Michael Sanguinetti in Toronto in der Osgoode Hall Law School über den präventiven Kampf gegen die Kriminalität. Im Zusammenhang mit mehreren Vergewaltigungen, die auf dem Campus der Universität York geschehen waren, riet er Frauen, um nicht vergewaltigt zu werden sollten sie es vermeiden, sich wie „sluts“ (Schlampen) anzuziehen. Der Vorfall gelangte schnell an die Öffentlichkeit, nachdem er zunächst in Universitätskreisen kritisch diskutiert wurde. Als Reaktion auf Sanguinettis Äußerungen wurde im April der erste Slutwalk in Toronto organisiert. Seitdem ist der Protest zu einer weltweiten Bewegung angewachsen – von Paris bis Berlin, von Brüssel bis New York gehen zumeist junge Frauen auf die Straße. Sie demonstrieren gegen die Täter-Opfer-Umkehr und den typischen Vergewaltigungsmythos : Laut diesem Mythos ist nämlich das Opfer schuld an ihrer Vergewaltigung, wenn sie sich auf eine bestimmte Art anzieht, die den Täter reizen und zu seiner Tat verleiten könnte. Die Slutwalks hingegen repräsentieren die Unantastbarkeit der sexuellen Integrität eines jeden Menschen. Die Slogans lauten : „My little dress doesn’t mean yes“ [dt. : Mein kurzes Kleid bedeutet nicht ja] oder „No means no“ [dt. : Nein heißt nein].
Ein anderes Ziel der Märsche, bei dem sonstigen Rummel oft in den Hintergrund geraten, ist die Wiederaneignung des Begriffs ‚Schlampe’ durch die Frauen selbst. Im Zusammenhang mit Vergewaltigungen wird der Begriff oft benutzt, um das Verbrechen zu rationalisieren und zu entschuldigen, frei nach dem Motto : „Was sollte ich denn machen, so wie die angezogen war !“ Alexandra Tiry hält dieses Vorhaben für eher schwierig : „Der Begriff ‚Schlampe’ bleibt eine Beleidigung, das ist ein Begriff voller Stereotype.“ Eine Meinung, die von der britischen Frauen-Forscherin und Aktivistin der Anti-Porno-Bewegung, Gail Dines, geteilt wird. In dem Magazin ‚The Guardian’ stellt sie fest, der Begriff ‚Schlampe’ sei zu sehr in der dichotomen Madonna/Prostituierten-Sichtweise der weiblichen Sexualität verankert. Kurz gesagt : Eine positive Verwendung des Terminus hält sie deswegen für ziemlich unmöglich – und stellt somit das generelle feministische Potential der Slutwalks in Frage. Diskussionen gibt es außerdem darüber, inwiefern sich der Inhalt des englischen Begriffs ‚slut’ in andere Sprachen übersetzen lässt, und ob ein ‚Schlampenmarsch’, der ja mehrere Personen impliziert, das Gleiche sein kann wie ein ‚Slutwalk’, der den Singular gebraucht.
„Sexismus, Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt kommen überall vor“

- Von wegen. An den Slutwalks nehmen regelmäßig viele Männer teil.
Quelle : http://www.flickr.com/photos/mattra...
Von den Medien, ob in Frankreich, Deutschland oder weltweit, wurden die Slutwalks zunächst als Demonstrationen für das ‚Recht auf Sexyness’ präsentiert. Die Bilder von ‚schlampig’ gekleideten Frauen auf den Märschen machten es scheinbar leicht, die Proteste in eine bestimmte Schublade einzuordnen. Lydia Dietrich, die den Slutwalk im westfälischen Münster am 29. Oktober organisiert hat, kann ein Lied vom voreingenommenen Umgang der Medien mit den Slutwalks singen : „Die unangenehmste Erfahrung haben zwei Frauen aus dem Orga-Team mit der münsteraner Presse gemacht. Der Journalist fragte die beiden Frauen, ob sie auch leicht bekleidet erscheinen würden, damit sie ein passendes Foto zum Interview drucken könnten. Ein klassischer Fall von sexistischer bzw. voyeuristischer Berichterstattung, die mal wieder unser Vorhaben bestätigt hat.“ Die beiden Frauen, so Dietrich, hätten den Termin dann abgesagt.
Obwohl mehr als 200 Menschen am Slutwalk teilnahmen ist es in einer Stadt wie Münster für viele fraglich, warum man so was wie einen Slutwalk überhaupt braucht : Westfälisch, katholisch und auf der Liste der lebenswertesten Städte immer ganz weit oben. „Sexismus, Vergewaltigung und sexualisierte Gewalt kommen überall vor und machen eben auch keinen Halt vor dem ‚wohlbehüteten’ Münster“, sagt hingegen Lydia Dietrich und hat gleich die entsprechenden Zahlen zur Hand : „Allein der Frauennotruf Münster hat im vergangenen Jahr 700 sexuelle Übergriffe verzeichnet.“ Die Dunkelziffer sei aber sehr viel höher, was zeige, dass auch Münster sich dem Thema stellen müsse.
Macho-Gesellschaft, dein Name ist Frankreich
Sich dem Thema stellen, das tun sowohl Lydia Dietrich in Münster als auch Alexandra Tiry in Lille seit Jahren : Die 25-jährige Deutsche, die als Heilerziehungspflegerin arbeitet und berufsbegleitend Soziale Arbeit studiert, engagiert sich seit vier Jahren ehrenamtlich bei ‚Terre des Femmes’. Für die Französin, Studentin an einer Höheren Handelsschule in Lille, kam das feministische Engagement mit Beginn ihres Studiums : „Ich hatte das Gefühl, dass da etwas nicht stimmt und ich etwas dagegen machen muss.“ Frankreich, davon ist Tiry überzeugt, braucht die Slutwalks, denn „die französische Gesellschaft ist ganz schön macho. Jeden Tag werden in Frankreich 137 Frauen vergewaltigt.“ Sie seufzt. „Aber nur 10% der Opfer erstatten Anzeige. Die Gesetze sprechen für uns, aber oft werden sie nicht respektiert.“ In der Grande Nation, so Tiry, glaube man immer noch, dass ein aggressives sexuelles Verhalten eben in der Natur des Mannes läge. Aktuelles Beispiel : ‚L’Affaire DSK’. Unter diesem Titel liefen und laufen die Diskussionen über die Vergewaltigungsvorwürfe gegen den ehemaligen Chef des Internationalen Währungsfonds (IWF), Dominique Strauss-Kahn. Für Alexandra Tiry zeigte sich dadurch wieder einmal : „Es gibt einiges zu tun.“ Könnte die Affäre für junge Frauen ein Auslöser sein, sich feministisch zu engagieren ? Tiry glaubt nicht daran : „Die Mehrzahl der Frauen musste nicht dieses Ereignis abwarten. Ihnen ist schon vorher bewusst geworden, dass es ein Problem gibt.“
A propos Problem – sich in Frankreich als Feminist oder Feministin zu bezeichnen, ist immer noch eher schwierig, sogar „verpönt“, sagt die französische Studentin und ergänzt, Deutschland sei in ihren Augen viel feministischer, nahezu ein feministisches Paradies. „Hier in Frankreich denken die Leute, feministisch sein bedeutet, dass wir gegen Männer sind.“ Ein Klischee, welches Tiry und ihre Mitstreiter und Mitstreiterinnen des Slutwalks Lille mit ihrer Demonstration widerlegten, waren sie doch fast gleich viele Männer und Frauen. Der Marsch selbst stieß überwiegend auf positive Reaktionen, das kleine Grüppchen in selbstbedruckten T-Shirts konnte jede Menge Flyer verteilen und auf ihr Anliegen aufmerksam machen, die lokale Presse drehte einen kleinen Film. Alexandra Tiry scheint erleichtert. Auf Facebook, berichtet sie, hätte es eine Reihe Beleidigungen gegeben, einige davon sehr heftig.
Slutwalks : Trend oder langfristige politische Bewegung ?

- Die Schriftstellerin und Aktivistin hat das Buch « Yes means yes : Visions of female sexual power and a world without rape » geschrieben.
Quelle : http://www.flickr.com/photos/563954...
Die Frage stellt sich, ob die Slutwalks junge Frauen (und Männer) an den Feminismus heranführen und sich als dauerhafter politischer Protest etablieren können. Was das Mobilisierungs-Potential der Märsche angeht, sind sich Lydia Dietrich und Alexandra Tiry einig. „Feministische Aktionen sprechen junge Frauen zu häufig auf einer zu intellektuellen Ebene an und bedeuten dadurch leider häufig Bedrohung oder Gefährdung der eigenen Weiblichkeit sowie Einschränkung der eigenen Sexualität“, glaubt Dietrich. „Die Slutwalk-Bewegung spricht die jungen Frauen auf einer ganz anderen Ebene an, einfacher und unkompliziert, sie ‚holt sie da ab, wo sie gerade stehen’.“ Tiry hofft, dass die Bewegung „Dynamismus zur französischen Frauenbewegung in Frankreich beiträgt. Das ist eher festlich, es macht Spaß. Und es ist nicht nötig, sich wie eine Schlampe anzuziehen. Kommt wie ihr seid !“ Lydia Dietrich allerdings bezweifelt, dass es sich bei den ‚Schlampenmärschen’ um ein dauerhaftes politisches Phänomen handelt : „Ich denke, dass der Slutwalk auch ein Trend ist und wieder abflachen wird, aber zunächst einmal hat er für viele junge Frauen ein neues Bild von Emanzipation und Feminismus geschaffen.“ Ist der Einstieg in den Feminismus und in feministisches Engagement dann erstmal geschafft, bleibt immer noch viel Arbeit – vor allem in den Köpfen der Menschen. Alexandra Tiry : „Viele glauben immer noch, dass häusliche Gewalt und Vergewaltigungen in der Ehe oder innerhalb einer Beziehung etwas aus dem 18. Jahrhundert sind.“
Feminismus ist immer noch ein Kampf. Gesellschaftliche Ungleichheiten zwischen Männern und Frauen halten sich hartnäckig. Ob Trend oder nicht, die Slutwalks tragen ihren Teil dazu bei, dass diese Ungleichheiten erkannt und thematisiert werden.
Mitarbeit : Sabine Wachs


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