Hochqualifizierte Migranten gesucht

Ökonomische Titanen auf der ganzen Welt stehen im ständigen Wettbewerb, die „Besten und Klügsten“ anzuwerben. Hier hinkt die EU ihren Mitwettbewerbern noch hinterher : Einige Schlüsselsektoren der Wirtschaft sehen sich einem Arbeitskräftemangel gegenüber. Wer wird die Lücke füllen ?


Direktive 2003/89/EC

Die Direktive von 1989 richtet sich an Staatsbürger von Drittländern, die eine Aufenthaltserlaubnis in einem Mitgliedsstaates haben und erlaubt deren Familienmitgliedern, nachzukommen. Folgende Familienmitglieder werden von der Direktive erfasst :
-  Ehepartner
-  Minderjährige Kinder
-  Minderjährige Kinder des Ehepartners
-  Verwandte ersten Gerade auf der direkt aufsteigenden Linie des Erlaubnishalters oder dessen Ehepartners, sofern sie von ihm oder ihr abhängig sind
-  Erwachsene unverheiratete Kinder des Erlaubnishalter oder des Ehepartners, sofern sie nicht in der Lage sind, sich selbst zu versorgen

Europas Chimäre

Demographische Überalterung, Mangel an Fachkräften, Abwanderung von qualifizierten Arbeitskräften. Der langsame Rückgang von Arbeitskräften in der Europäischen Union könnte in einigen Jahrzehnten zu mangelnder ökonomischer Effizienz führen (besonders in hoch qualifizierten Branchen wie IT oder Gesundheitsversorgung). Aktuelle nationale Statistiken zeigen, wie überall in Europa die vorhandenen Experten die Lücken in einigen Schlüsselbranchen unserer Volkswirtschaften nicht füllen können. Von dem Vereinigten Königreich bis nach Italien, von Tschechien bis Frankreich, alle europäischen Staaten sind hungrig auf Experten. Wie aber reagiert die Politik auf die Bedrohung ? 2005 kündigte die Europäische Kommission bereits an, dass legale Migration in der auf Wissen basierenden Wirtschaft Europas eine große Rolle spielen werde. Seit damals wurden schon viele wichtige Schritte übernommen, die die Einwanderung hoch qualifizierter Migranten erleichterten. Aber wird Europas Wettbewerbsfähigkeit endlich Ihre Chimäre los ?

Die Meerjungfrauen der hohen See

Ohne Papiere
Ein sogenannter « Sans Papiers » protestiert auf einer Demonstration in Frankreich für seine Rechte.
Quelle : http://www.flickr.com/photos/ernest...

Lange bevor die europäische Union überhaupt von ihren Gründern erdacht worden war, wussten die alten Griechen bereits um die zauberhafte Kraft der hohen See. Wie einige Leser sich vielleicht erinnern mögen, wurden die Seemänner von Odysseus’ Flotte schicksalhaft durch den Gesang der Meerjungfrauen angezogen. Einige Jahrtausende später ist es das gleiche : Hochqualifizierte Migranten werden schicksalhaft von Übersee angezogen. Die zauberhaften Meerjungfrauen sind jetzt die USA, Australien und Kanada, die „den Besten und Klügsten“ bessere Bedingungen und transparentere Bewerbungssysteme bieten. Die einzige Chance für die EU, das Spiel noch zu gewinnen, ist lauter zu singen…

Bis jetzt ziehen die meisten der potentiellen hoch qualifizierten Migranten noch in die traditionellen Einwanderungsländer : 2004 belief sich der Anteil der Hochqualifizierten im Ausland geborenen in der EU nur auf 1,72%. Das ist fast sechs Mal weniger als in Australien (9,9%), Kanada (7,3%) und der Schweiz (5,3%). Einige Experten meinen, der Grund für die Lücke liege in den Anwerbungssystemen : Traditionelle Einwanderungsländer sind mit zusammenhängenden, auf Punkten basierender Auswahl und Zutrittsschemata ausgestattet. Europa hingegen litt unter einer langen Periode fragmentarischer und unkoordinierter nationaler Politiken auf diesem Gebiet. Und dennoch, der Gesangswettbewerb wird bald beginnen : Die recht neue Direktive über die Bedingungen für Eintritt und Aufenthalt von Hochqualifizierten aus nicht EU-Ländern ist auf dem besten Wege, ein Hit zu werden !

Auftritt der Blue Card

Am 25. Mai 2009 hat die Kommission die oben genannte Direktive eingeführt. Dr. Gunther Mävers, Partner der Mütze Korsch Rechtsanwaltsgesellschaft in Köln und Vorstandsmitglied des Komitees für Immigration und Nationalitätsrecht der IBA (International Bar Association) kommentierte dieses Ereignis : „Durch diese Direktive möchte die EU Kommission […] die Wettbewerbsfähigkeit der europäischen Wirtschaft mit der Blue Card erhöhen. Dies wird die Aufmerksamkeit der qualifizierten Fachkräfte auf Europa lenken, anstatt auf die USA, Australien oder Kanada, welche bisher die bevorzugten Arbeitsländer waren.“ Die Direktive erlaubt eine neue Möglichkeit der einfachen Einreise, die ‚EU Blue Card‘. Ist der hochqualifizierte Migrant erst einmal in einem Mitgliedsland der EU angekommen (unter der Bedingung eines gültigen Arbeitsvertrages oder eines verbindlichen Jobangebots), druckt der jeweilige Staat diese spezielle Aufenthaltserlaubnis, deren genaue Dauer zwischen ein bis vier Jahren vom Mitgliedsland festgelegt wird.

Der 8. European Business Summit
Paul Polman, CEO von Unilever, John Dalli, Loïc Armand, Vorsitzender der Kommittes für Konsum des MEDEF (französischer Arbeitgeberverband), Malcolm Harbour, Mitglied des EP, und Monique Goyens, Direktorin des BEUC (Europäischer Verbraucherverband) (von links nach rechts), diskutieren die zukünftige Relevanz von Fachwissen für Europa.
Quelle : Europäische Kommission

Nach den ersten zwei Jahren erhält der Arbeitnehmer freien Zugang zum nationalen Arbeitsmarkt. Als große Schwäche des europäischen Systems hat man den Mangel an Mobilität innerhalb der EU erkannt, der durch die neue Direktive bekämpft werden soll : Die Blue Card erlaubt ihren Besitzern auch den Aufenthalt in anderen Mitgliedsländern (nach 18 Monaten legalen Aufenthalts im ersten Mitgliedsland). Nachdem dies festgelegt ist, lässt die Direktive es der nationalen Gesetzgebung frei, festzulegen, wie viele hoch qualifizierte Migranten jedes Jahr zugelassen werden können. Nur um ein Beispiel zu nennen : Die britische Regierung gab kürzlich bekannt, dass 2012 bis zu 21.700 hoch qualifizierte Arbeitnehmer von außerhalb des Europäischen Wirtschaftsraumes eine Erlaubnis für das Vereinigte Königreich erhalten könnten (das entspricht einer Senkung um 6.300 Arbeitnehmern verglichen mit der Anzahl von 2009).

Mit dieser Maßnahme nähert sich das Vereinigte Königreich (das bis jetzt als einziges EU Land einen angebotsorientierten Ansatz verfolgte) den anderen EU Ländern an, da es den Arbeitnehmern, die bereits ein Jobangebot haben, den Vorrang einräumt. Das nachfrageorientierte System steht denen in anderen Immigrationsländern wie Australien entgegen. Wie dem auch sei, 2005 gab es bei der Beratung des Grünbuches sehr unterschiedliche Ansichten bezüglich der Frage zur Mobilität im System und nur geringe Unterstützung (besonders von Mitgliedsstaaten).

Das Janus-Problem

Unter den eher merkwürdigen Figuren im antiken römischen Pantheon finden wir auch Janus, den Gott, dessen zwei Gesichter in unterschiedliche Richtungen schauen. Obwohl es Fakt ist, dass die Anwerbung hoch qualifizierter Arbeitnehmer von außerhalb der EU allgemein sehr positiv bewertet wird, sollte man sich auch die andere Seite der Medaille ansehen. Ähnlich wie Europa, doch mit stärkeren Konsequenzen, werden die Heimatländer der Hochqualifizierten vor dem Problem der Abwanderung der Intelligenz stehen (brain drain). Wird Europa mit dieser Verantwortung umgehen können ? Um diesen negativen Effekt abzuschwächen, bat die Kommission die Mitgliedsländer darum, darüber nachzudenken, welche Anreizsysteme entwickelt werden könnten, damit die Hochqualifizierten nach einer Arbeitsphase in der EU mit mehr Wissen und Erfahrung in ihre Heimatländer zurück kehrten (dieser Prozess ist bekannt als zirkuläre Migration).

Außerdem kann Migration den Wohlstand des Herkunftslands durch Geldtransfers verbessern. Diese erhöhen das Einkommen der Empfänger und tragen durch Investition und Konsum zum Wachstum des Landes bei. Außerdem können Erfolgsstorys der hoch qualifizierten emigrierten Arbeitnehmer die Motivation der in der Heimat bleibenden stärken, in ihre Bildung zu investieren. Dadurch würde auch das Humankapital im Emigrationsland gestärkt. Ein noch effektiveres Instrument auf institutioneller Ebene wären Vereinbarungen zwischen Emigrationsländern und der EU. Diese können Berufe festlegen, die nicht unter die neue Direktive fallen und Partnerschaften zwischen Bildungs- Wissenschafts- oder medizinischen Institutionen in Staaten der EU und solchen, die einem Intelligenzverlust entgegen sehen, etablieren.

Wo stehen wir jetzt ?

Die 2020 Strategie
Im März 2000 verpflichteten europäische Leader sich, die EU bis 2010 zur „konkurrenzfähigsten und dynamischsten auf Wissen basierenden Wirtschaft der Welt“ zu machen. Dieses Ziel wurde nochmals durch die 2020 Strategie bestätigt – allerdings wird immer noch zu wenig gemacht, um hochqualifizierte Migranten anzuwerben, die zur Erreichung dieses Ziels notwendig wären.
Quelle : Europäische Kommission

Am besten lässt sich an einem konkreten Beispiel zeigen, was Europa an Gelegenheiten verpasst hat : Indien gehört zu den global führenden Quellen an hoch qualifizierten emigrierenden Arbeitnehmern. Schade nur für uns in Europa, dass die Mehrheit dieser Fachkräfte die USA oder Kanada der EU vorziehen. Der Policy Brief 2009 zur ‚EU-Indien Mobilitätskooperation‘ zeigt, dass ein großes Potential für die Indien-EU-Migration besteht, das als Mittel dienen kann „kritische Bedarfe des EU Arbeitsmarkts“ zu befriedigen. Die stark unterschiedlich aufgebauten Zulassungssysteme zwischen den Mitgliedsstaaten, die beschwerlichen bürokratischen Abläufe und der Mangel an vorrangigen Visumskategorien wurden als größte Hindernisse identifiziert.

Der Arbeitsmarkt der EU leidet an seinem hoch fragmentierten Rahmenwerk, besonders in Bezug auf immigrierte Arbeitskräfte. Wenn wir uns fragen, ob die neue Blue-Card-Direktive Europas Attraktivität erhöhen kann, stoßen wir auf eine ziemlich kontroverse Antwort : Trotz der möglichen Bekämpfung einiger Schlüsselprobleme (Mobilität innerhalb der EU, Zuzug von Familienmitgliedern, Anrecht auf dauerhaften Aufenthalt), bleibt den Mitgliedsstaaten große Ermessensfreiheit in Bezug auf Anerkennung von Qualifikationen, Einkommensgrenzen sowie Steuerangelegenheiten und Anreizen. Die neue Direktive versucht einen Schritt voran zu gehen, indem sie es erlaubt verschiedene Aufenthalte in unterschiedlichen Mitgliedsstaaten anzurechnen, um so die Anforderungen für einen dauerhaften Aufenthalt zu erfüllen.

Außerdem werden die Mobilität innerhalb der EU und die Familienzusammenführung gefördert. Trotz dieser positiven Aspekte, ist der rechtliche Rahmen zur Erleichterung der Migration von Arbeitskräften zwischen Indien und EU Mitgliedsstaaten nicht sehr ausgereift. Dasselbe gilt für andere Herkunftsländer, die ein hohes Potential für den EU Arbeitsmarkt aufweisen. Die Implementierung neuer Rechtsinstrumente muss ergänzt werden durch Maßnahmen zur Steigerung des Bekanntheitsgrad und Dialog mit den Herkunftsländern auf der politischen Ebene.


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Auteurs

Daniela SANTOPOLO

Writer

Daniela is an Italian project assistant : she graduated in European law in 2010 in the framework of a Jean Monnet Programme that allowed her to live and study in five different European countries (France, Poland, Spain, Italy and Belgium). She (...)

traducteur

Kathrin RÖLLKE (Übersetzerin)

Im Internet

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EUROPA - EU-Legislation
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Am 18. November 2012 wurde zum 12. Mal der Siebenpfeiffer-Preis verliehen – und Die Euros haben von der Jury eine lobende Anerkennung erhalten.

In der Begründung der Jury heißt es dazu:

„Dieses Online-Portal von Studierenden und jungen Absolventen unterschiedlicher Universitäten in Europa bietet Informationen und Reflexionen zu Europa und zur Politik der Europäischen Union. Im digitalen Dialog geht es um soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Fragen – aus Sicht und in der Aufmachung der jüngeren Generation. Zusätzlich zu diesem Medienprojekt verstehen sich „Die Euros“ auch als Netzwerk der Zivilgesellschaft, das die Bürgerbeteiligung und den Gemeinschaftssinn in Europa fördern will – ganz im Sinne Siebenpfeiffers und seiner Mitstreiter.“

Für Die Euros nahm Autorin Carolin Dylla in Homburg die Auszeichnung entgegen.

Den mit 5000 Euro dotierte Siebenpfeiffer-Preis erhielt in diesem Jahr der freiberufliche Auslandskorrespondent Detlef Drewes. Der Preis wird regelmäßig an Journalisten vergeben, die durch ihre Arbeit für Presse, Rundfunk und Fernsehen demokratisches Bewusstsein fördern, d.h. sich für ein freiheitliches Menschenbild und eine demokratisch-soziale Grundüberzeugung einsetzen – ganz in der Tradition Philipp Jakob Siebenpfeiffers. Mit dem Preis soll insbesondere journalistisches Engagement ausgezeichnet werden, das keine Rücksicht auf berufliche Karriere oder finanzielle Vorteile nimmt. Siebenpfeiffer selbst forderte Pressefreiheit und bekannte sich dazu Ende 1831 in seiner Zeitung „Der Bote aus Westen“, wo er den französischen Dichter und Autor Alphonse de Lamartine zitierte:

„Die Presse muß nothwendig frei sein, denn sie ist die Stimme aller, ihr Schweigen ist der Tod der Freiheit, jede Tyrannei, welche eine Idee morden will, beginnt damit, daß sie die Presse knebelt.“

Die Jury des Siebenpfeiffer-Preises setzt sich aus Mitgliedern der gleichnamigen Stiftung zusammen, die von den Journalistenverbänden in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland sowie Thüringen bzw. der Hambach-Gesellschaft für historische Forschung und politische Bildung ernannt werden, dem Publizisten Fred Oberhauser, sowie je einem Vertreter der Saarbrücker Zeitung und des Saarländischen Rundfunks sowie zwei Vertretern des Saarpfalz-Kreises.

Wir, das Euros-Team – Julia Korbik (Chefredakteurin), Vera Kissler (stellv. Chefredakteurin) und Helene Banner (Projektleiterin Die Euros) – danken der Siebenpfeiffer-Stiftung für die Auszeichnung. Gerade in Zeiten der Euro-Krise ist es wichtig, Europas Bürgerinnen und Bürgern Analysen, Meinungen und Reportagen zu bieten, die einen anderen Blick auf die EU und Europa ermöglichen. Denn: Europa ist eben nicht nur die EU.

Die Euros basieren auf ehrenamtlichem Engagement. Jeder von uns steckt regelmäßig viel Arbeit und Herzblut in das Projekt. Dass solches Engagement nun mit einer lobenden Anerkennung gewürdigt wird, freut uns sehr. Ein großer Dank geht an alle unsere Autorinnen und Autoren, Übersetzer und Übersetzerinnen: Ohne euch wären Die Euros nicht dort, wo sie heute sind. Wenn ihr nicht unermüdlich Beiträge schreiben und Texte unserer anderen Sprachversionen übersetzen würdet, wäre unsere Seite leer. Diese Auszeichnung ist vor allem eure Auszeichnung.

Die verschiedenen Sprachversionen der Euros:

http://www.eurosduvillage.eu (FR) http://www.glieeuros.eu (ITA) http://www.theeuros.eu (ENG) http://www.loseuros.eu (SPA)

Die Euros erhalten lobende Anerkennung der Siebenpfeiffer-Stiftung

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