„Schuld sind die Politiker“

Wie gehen junge Griechen mit der Krise um ?

Griechenland steckt immer noch tief in der Krise, es gibt kaum Jobs. Doch die jungen Griechen bleiben optimistisch – und handfest.


Dass es den Griechen nicht gut geht, merkt man schnell. Viele Tankstellen haben geschlossen, der Tourismus bleibt aus, am Kiosk erzählen die Menschen, wie ihnen Gehälter und Renten gekürzt werden. Gelegentlich hört man eine abfällige Bemerkung über Merkel und Sarkozy. Von allen mediterranen Ländern steckt das Land, in dem manche die Wiege Europas ausmachen, am tiefsten in der Krise. Immer wieder dieses Wort : Krise. Leider ist es wirklich omnipräsent geworden – und mit ihm die Phänomene. Den Syntagma Platz säumen Mannschaftswagen der Polizei, während ein Café in der Nähe das „Crisis Menu“ anbietet. Wenn man junge Griechen nach ihren Gefühlen fragt, hört man eigentlich immer zwei Dinge : „Wir stecken tief in der Krise ; und Schuld sind die Politiker.“ Gerasimos, ein junger Ingenieurstudent, erzählt, wie er vor einigen Wochen bei den Protesten dabei war. „Die Regierung mischt Randalierer unter die Demonstranten, um einen Vorwand für die Polizei zu haben, die die Unruhen brutal niederschlägt.“ Gestikulierend erklärt er, aus welchen Richtungen die Trupps herbeiströmten. Seine Wut auf Polizisten und andere Staatsangestellte, die in der Krise bisher relativ gut davon gekommen sind, wächst. Sein Vertrauen in die Politik geht gegen Null.

Eher europafreundlich als populistisch-euroskeptisch

JPEG - 544.4 ko
Anpacken statt Aufgeben

Trotz der Krise : Viele junge Griechen sind alles andere als burned out - wenn es im eigenen Land nicht klappt, gehen sie eben im Ausland auf Jobsuche.

Quelle : http://www.flickr.com/photos/leloni...

Junge Europäer empören sich zu Recht darüber, dass ihnen die europäische Politik in dieser Lage keine Perspektiven bietet. An der mangelnden Bereitschaft zu europäischer Solidarität liegt es jedenfalls nicht, denn junge Engländer, Franzosen und Deutsche sind so überzeugt von den Vorteilen Europas, dass sie selbstverständlich dazu bereit sind, etwas von ihrem Einkommen zu opfern. Ohnehin sind junge Menschen viel europafreundlicher als manch populistischer Euroskeptiker das gerne darstellt. Besorgniserregend ist eher, wie die Gesellschaft in Spanien und Griechenland gespalten wird. Auf der einen Seite stehen die ambitionierten Bildungsbürger, die mehrere Sprache sprechen und ohne größere Hürden ins Ausland flüchten. Zurück bleiben die Älteren, einfachen Arbeiter und Migranten, was das politische Klima zusätzlich anheizt. Ein großes Thema bei den griechischen Wahlen sind „Konzentrationslager“ (die Vokabel fällt tatsächlich) für Menschen, die abgeschoben werden sollen. So leidet Südeuropa nicht nur unter dem Braindrain, sondern vor allem auch unter den sozialen Zerrüttungen, die die Krise mit sich bringt. Traditionelle Familienstrukturen zerfallen, weil die Jugend ins Ausland strömt. Ist das wirklich das, was wir uns unter „mehr Europa“ erhofft haben ?

Vor seinem Studium hat Gerasimos zwei Jahre in England gearbeitet, um Geld zu verdienen. Wenn er fertig ist, wird er zurückkehren, weil seine Aussichten selbst als Ingenieur in Nordeuropa deutlich besser sind. Für ihn gehört diese Art sich durchzuschlagen zur europäischen Realität, die Politik blendet er aus. „Die Wahlen werden nichts ändern, es wird sich nie etwas ändern“, sagt er. Europäische Politiker sind ihm ohnehin zu weit weg, er hält sie für ebenso korrupt wie die heimischen. Trotzdem ist er kein Euroskeptiker. Er schätzt es, frei reisen zu können, und unterhält sich offen mit uns Deutschen, obwohl er Merkel auf den Tod nicht ausstehen kann. „Europa spielt sich für mich nicht in Parlamenten und Ministerien ab“, meint er. Seine Haltung ist nicht selten. Nacho, ein junger spanischer Architekt, hat in den letzten sechs Monaten in England, China und Frankreich gearbeitet. Nach einigen Praktika freut er sich nun über eine Festanstellung in einem Pariser Büro. Auf seiner Jobsuche ist er europäischer geworden und hat doch kaum einen Blick auf Brüsseler Beschlüsse geworfen. Selbst seine Freunde, die teilweise ohne Job enttäuscht nach Madrid zurückkehren, sind immer noch von der Idee Europas überzeugt. Sie haben Kontakte im Ausland geknüpft, Sprachen gelernt und andere Länder bereist. Natürlich kämpfen sie mit den prekären Arbeitsverhältnissen, aber das ist kein Grund für weniger Europa.

Neue Herausforderungen

JPEG - 167.9 ko
Einfallsreich durch die Krise

Die Griechen bestehen auf ihrem Recht zur wirtschaftlichen Selbstbestimmung. Und dabei wird auch mal eine Kartoffel zum Revolutionssymbol.

Quelle : http://www.flickr.com/photos/darkb4dawn/

Der britische Europahistoriker Timothy Garton Ash nennt die schwerfällige Brüsseler Bürokratie den notwendigen Preis, den wir für Frieden in Europa bezahlen. Vielleicht könnte man seine These erweitern und das neuerliche Bemühen um wirtschaftliche Stabilität und Solidarität zu diesem Preis addieren. Denn zu den bisweilen schmerzhaften Wahrheiten Europas gehört auch, sich Gedanken über ein wirtschaftlich einheitlicheres und sozial stärkeres Europa zu machen. Das bedeutet freilich nicht, Gleichmeierei zu betreiben. Aber wenn man die Fiskalunion seriös aufbauen möchte, müssen Anpassungen her und vor allem entschlossener Rückhalt aus der Bevölkerung. Deutschen Angestellten abzuverlangen, dass sie sich einem griechischen Arbeitslosen gegenüber solidarisch verhalten sollen, ist nicht einfach. Zu den Einsichten unserer Generation wird deshalb sicherlich zählen, dass wir das bestehende Zusammengehörigkeitsgefühl weiterentwickeln müssen, wenn es uns ernst damit ist, ein starkes Europa in der Welt zu positionieren. Frieden in Europa halten viele für selbstverständlich. Und auch wenn wir diesen Verdienst der EU nie vergessen dürfen, warten heute eben neue Herausforderungen. Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass es dabei nicht mehr um Leben und Tod geht.

Als wir nach Thessaloniki kommen, fallen uns an den Kreuzungen die vielen Kartoffelhändler auf. Die kleinen Säcke stapeln sich auf ihren Autodächern, die Händler rufen Passanten Preise hinterher. Doch es sind keine Händler, wie uns Vasilis später aufklärt. Der junge Grieche, bei dem wir für eine Nacht unser Lager aufschlagen dürfen, erzählt, wie die Bauern es leid waren, ihre Ware zu Dumpingpreisen an große Supermärkte zu verkaufen. So begannen sie kurzerhand, ihre Kartoffeln selber zu verkaufen. Die Kartoffelrevolution wurde schnell zum Sinnbild für den Zorn der Griechen und den Drang zu wirtschaftlicher Selbstbestimmung. Tatsächlich fehlt es in Griechenland überall an jungen, aufstrebenden Geschäftsleuten. Bei größeren Unternehmen liegt das natürlich am Vertrauensverlust von Investoren, aber auch im Kleinen scheint niemand mutig genug, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Gerade an dieser Stelle könnte die EU mit Förderprogrammen strukturellen Wandel leicht anstoßen. Denn unternehmerisches Handeln junger Entrepreneure birgt nicht nur das Potenzial, die Wirtschaft anzukurbeln, es hilft den jungen Griechen auch psychologisch über den Trott der Arbeitslosigkeit und Bedeutungslosigkeit hinwegzukommen. Die Zukunft liegt in den Händen junger Europäer.

Quelle : Euroskop

Von Jan Stöckmann


reagir   Imprimer   envoyer par mail   Auteurs
Espace réactions ()

Wirtschafts- und Währungsunion
Begegnungen mit Griechen und Griechinnen, die den Glauben an ihre politische Führung verloren haben - nicht jedoch den an den (...)
Griechenland
Durch die Wahl am 17. Juni haben Griechenland und Europa Zeit gewonnen. Der grundlegende Konflikt ist damit aber nicht (...)
Begegnungen mit Griechen und Griechinnen, die den Glauben an ihre politische Führung verloren haben - nicht jedoch den an den (...)

Auteurs

Euroskop

Bernhard, Damian und Jan, alle Anfang bis Mitte 20, reisen seit Anfang März 2012 durch 21 europäische Hauptstädte. Dabei suchen die drei Deutschen nach der ‚Eurogeneration‘ : Junge europäische Menschen, die eine Menge zu verbinden scheint – aber was (...)

Site internet : Euroskop-Blog

  Meist gelesen Meist kommentiert
Seit einem Monat | Seit immer
Frisch gezwitschert
Facebook

Am 18. November 2012 wurde zum 12. Mal der Siebenpfeiffer-Preis verliehen – und Die Euros haben von der Jury eine lobende Anerkennung erhalten.

In der Begründung der Jury heißt es dazu:

„Dieses Online-Portal von Studierenden und jungen Absolventen unterschiedlicher Universitäten in Europa bietet Informationen und Reflexionen zu Europa und zur Politik der Europäischen Union. Im digitalen Dialog geht es um soziale, politische, wirtschaftliche und kulturelle Fragen – aus Sicht und in der Aufmachung der jüngeren Generation. Zusätzlich zu diesem Medienprojekt verstehen sich „Die Euros“ auch als Netzwerk der Zivilgesellschaft, das die Bürgerbeteiligung und den Gemeinschaftssinn in Europa fördern will – ganz im Sinne Siebenpfeiffers und seiner Mitstreiter.“

Für Die Euros nahm Autorin Carolin Dylla in Homburg die Auszeichnung entgegen.

Den mit 5000 Euro dotierte Siebenpfeiffer-Preis erhielt in diesem Jahr der freiberufliche Auslandskorrespondent Detlef Drewes. Der Preis wird regelmäßig an Journalisten vergeben, die durch ihre Arbeit für Presse, Rundfunk und Fernsehen demokratisches Bewusstsein fördern, d.h. sich für ein freiheitliches Menschenbild und eine demokratisch-soziale Grundüberzeugung einsetzen – ganz in der Tradition Philipp Jakob Siebenpfeiffers. Mit dem Preis soll insbesondere journalistisches Engagement ausgezeichnet werden, das keine Rücksicht auf berufliche Karriere oder finanzielle Vorteile nimmt. Siebenpfeiffer selbst forderte Pressefreiheit und bekannte sich dazu Ende 1831 in seiner Zeitung „Der Bote aus Westen“, wo er den französischen Dichter und Autor Alphonse de Lamartine zitierte:

„Die Presse muß nothwendig frei sein, denn sie ist die Stimme aller, ihr Schweigen ist der Tod der Freiheit, jede Tyrannei, welche eine Idee morden will, beginnt damit, daß sie die Presse knebelt.“

Die Jury des Siebenpfeiffer-Preises setzt sich aus Mitgliedern der gleichnamigen Stiftung zusammen, die von den Journalistenverbänden in Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg, Saarland sowie Thüringen bzw. der Hambach-Gesellschaft für historische Forschung und politische Bildung ernannt werden, dem Publizisten Fred Oberhauser, sowie je einem Vertreter der Saarbrücker Zeitung und des Saarländischen Rundfunks sowie zwei Vertretern des Saarpfalz-Kreises.

Wir, das Euros-Team – Julia Korbik (Chefredakteurin), Vera Kissler (stellv. Chefredakteurin) und Helene Banner (Projektleiterin Die Euros) – danken der Siebenpfeiffer-Stiftung für die Auszeichnung. Gerade in Zeiten der Euro-Krise ist es wichtig, Europas Bürgerinnen und Bürgern Analysen, Meinungen und Reportagen zu bieten, die einen anderen Blick auf die EU und Europa ermöglichen. Denn: Europa ist eben nicht nur die EU.

Die Euros basieren auf ehrenamtlichem Engagement. Jeder von uns steckt regelmäßig viel Arbeit und Herzblut in das Projekt. Dass solches Engagement nun mit einer lobenden Anerkennung gewürdigt wird, freut uns sehr. Ein großer Dank geht an alle unsere Autorinnen und Autoren, Übersetzer und Übersetzerinnen: Ohne euch wären Die Euros nicht dort, wo sie heute sind. Wenn ihr nicht unermüdlich Beiträge schreiben und Texte unserer anderen Sprachversionen übersetzen würdet, wäre unsere Seite leer. Diese Auszeichnung ist vor allem eure Auszeichnung.

Die verschiedenen Sprachversionen der Euros:

http://www.eurosduvillage.eu (FR) http://www.glieeuros.eu (ITA) http://www.theeuros.eu (ENG) http://www.loseuros.eu (SPA)

Die Euros erhalten lobende Anerkennung der Siebenpfeiffer-Stiftung

Politik
Wirtschaft
Gesellschaft & Medien
Nachhaltige Entwicklung
Innenpolitik
Außenpolitik
Institutionen & Brüssel
Deutschland
EU 27
Das andere Europa
Welt
© Groupe Euros du Village 2010 | Mentions légales | Webseite erstellt mit SPIP | Réalisation technique et design : Media Animation & Euros du Village France