Dass es den Griechen nicht gut geht, merkt man schnell. Viele Tankstellen haben geschlossen, der Tourismus bleibt aus, am Kiosk erzählen die Menschen, wie ihnen Gehälter und Renten gekürzt werden. Gelegentlich hört man eine abfällige Bemerkung über Merkel und Sarkozy. Von allen mediterranen Ländern steckt das Land, in dem manche die Wiege Europas ausmachen, am tiefsten in der Krise. Immer wieder dieses Wort : Krise. Leider ist es wirklich omnipräsent geworden – und mit ihm die Phänomene. Den Syntagma Platz säumen Mannschaftswagen der Polizei, während ein Café in der Nähe das „Crisis Menu“ anbietet. Wenn man junge Griechen nach ihren Gefühlen fragt, hört man eigentlich immer zwei Dinge : „Wir stecken tief in der Krise ; und Schuld sind die Politiker.“ Gerasimos, ein junger Ingenieurstudent, erzählt, wie er vor einigen Wochen bei den Protesten dabei war. „Die Regierung mischt Randalierer unter die Demonstranten, um einen Vorwand für die Polizei zu haben, die die Unruhen brutal niederschlägt.“ Gestikulierend erklärt er, aus welchen Richtungen die Trupps herbeiströmten. Seine Wut auf Polizisten und andere Staatsangestellte, die in der Krise bisher relativ gut davon gekommen sind, wächst. Sein Vertrauen in die Politik geht gegen Null.
Eher europafreundlich als populistisch-euroskeptisch

- Anpacken statt Aufgeben
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Trotz der Krise : Viele junge Griechen sind alles andere als burned out - wenn es im eigenen Land nicht klappt, gehen sie eben im Ausland auf Jobsuche.
Junge Europäer empören sich zu Recht darüber, dass ihnen die europäische Politik in dieser Lage keine Perspektiven bietet. An der mangelnden Bereitschaft zu europäischer Solidarität liegt es jedenfalls nicht, denn junge Engländer, Franzosen und Deutsche sind so überzeugt von den Vorteilen Europas, dass sie selbstverständlich dazu bereit sind, etwas von ihrem Einkommen zu opfern. Ohnehin sind junge Menschen viel europafreundlicher als manch populistischer Euroskeptiker das gerne darstellt. Besorgniserregend ist eher, wie die Gesellschaft in Spanien und Griechenland gespalten wird. Auf der einen Seite stehen die ambitionierten Bildungsbürger, die mehrere Sprache sprechen und ohne größere Hürden ins Ausland flüchten. Zurück bleiben die Älteren, einfachen Arbeiter und Migranten, was das politische Klima zusätzlich anheizt. Ein großes Thema bei den griechischen Wahlen sind „Konzentrationslager“ (die Vokabel fällt tatsächlich) für Menschen, die abgeschoben werden sollen. So leidet Südeuropa nicht nur unter dem Braindrain, sondern vor allem auch unter den sozialen Zerrüttungen, die die Krise mit sich bringt. Traditionelle Familienstrukturen zerfallen, weil die Jugend ins Ausland strömt. Ist das wirklich das, was wir uns unter „mehr Europa“ erhofft haben ?
Vor seinem Studium hat Gerasimos zwei Jahre in England gearbeitet, um Geld zu verdienen. Wenn er fertig ist, wird er zurückkehren, weil seine Aussichten selbst als Ingenieur in Nordeuropa deutlich besser sind. Für ihn gehört diese Art sich durchzuschlagen zur europäischen Realität, die Politik blendet er aus. „Die Wahlen werden nichts ändern, es wird sich nie etwas ändern“, sagt er. Europäische Politiker sind ihm ohnehin zu weit weg, er hält sie für ebenso korrupt wie die heimischen. Trotzdem ist er kein Euroskeptiker. Er schätzt es, frei reisen zu können, und unterhält sich offen mit uns Deutschen, obwohl er Merkel auf den Tod nicht ausstehen kann. „Europa spielt sich für mich nicht in Parlamenten und Ministerien ab“, meint er. Seine Haltung ist nicht selten. Nacho, ein junger spanischer Architekt, hat in den letzten sechs Monaten in England, China und Frankreich gearbeitet. Nach einigen Praktika freut er sich nun über eine Festanstellung in einem Pariser Büro. Auf seiner Jobsuche ist er europäischer geworden und hat doch kaum einen Blick auf Brüsseler Beschlüsse geworfen. Selbst seine Freunde, die teilweise ohne Job enttäuscht nach Madrid zurückkehren, sind immer noch von der Idee Europas überzeugt. Sie haben Kontakte im Ausland geknüpft, Sprachen gelernt und andere Länder bereist. Natürlich kämpfen sie mit den prekären Arbeitsverhältnissen, aber das ist kein Grund für weniger Europa.
Neue Herausforderungen

- Einfallsreich durch die Krise
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Die Griechen bestehen auf ihrem Recht zur wirtschaftlichen Selbstbestimmung. Und dabei wird auch mal eine Kartoffel zum Revolutionssymbol.
Der britische Europahistoriker Timothy Garton Ash nennt die schwerfällige Brüsseler Bürokratie den notwendigen Preis, den wir für Frieden in Europa bezahlen. Vielleicht könnte man seine These erweitern und das neuerliche Bemühen um wirtschaftliche Stabilität und Solidarität zu diesem Preis addieren. Denn zu den bisweilen schmerzhaften Wahrheiten Europas gehört auch, sich Gedanken über ein wirtschaftlich einheitlicheres und sozial stärkeres Europa zu machen. Das bedeutet freilich nicht, Gleichmeierei zu betreiben. Aber wenn man die Fiskalunion seriös aufbauen möchte, müssen Anpassungen her und vor allem entschlossener Rückhalt aus der Bevölkerung. Deutschen Angestellten abzuverlangen, dass sie sich einem griechischen Arbeitslosen gegenüber solidarisch verhalten sollen, ist nicht einfach. Zu den Einsichten unserer Generation wird deshalb sicherlich zählen, dass wir das bestehende Zusammengehörigkeitsgefühl weiterentwickeln müssen, wenn es uns ernst damit ist, ein starkes Europa in der Welt zu positionieren. Frieden in Europa halten viele für selbstverständlich. Und auch wenn wir diesen Verdienst der EU nie vergessen dürfen, warten heute eben neue Herausforderungen. Wir dürfen uns glücklich schätzen, dass es dabei nicht mehr um Leben und Tod geht.
Als wir nach Thessaloniki kommen, fallen uns an den Kreuzungen die vielen Kartoffelhändler auf. Die kleinen Säcke stapeln sich auf ihren Autodächern, die Händler rufen Passanten Preise hinterher. Doch es sind keine Händler, wie uns Vasilis später aufklärt. Der junge Grieche, bei dem wir für eine Nacht unser Lager aufschlagen dürfen, erzählt, wie die Bauern es leid waren, ihre Ware zu Dumpingpreisen an große Supermärkte zu verkaufen. So begannen sie kurzerhand, ihre Kartoffeln selber zu verkaufen. Die Kartoffelrevolution wurde schnell zum Sinnbild für den Zorn der Griechen und den Drang zu wirtschaftlicher Selbstbestimmung. Tatsächlich fehlt es in Griechenland überall an jungen, aufstrebenden Geschäftsleuten. Bei größeren Unternehmen liegt das natürlich am Vertrauensverlust von Investoren, aber auch im Kleinen scheint niemand mutig genug, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Gerade an dieser Stelle könnte die EU mit Förderprogrammen strukturellen Wandel leicht anstoßen. Denn unternehmerisches Handeln junger Entrepreneure birgt nicht nur das Potenzial, die Wirtschaft anzukurbeln, es hilft den jungen Griechen auch psychologisch über den Trott der Arbeitslosigkeit und Bedeutungslosigkeit hinwegzukommen. Die Zukunft liegt in den Händen junger Europäer.

- Quelle : Euroskop
Von Jan Stöckmann


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