Pavel, seit über drei Jahren arbeiten Sie nun als Pressesprecher und Web-Editor für das EU-Parlament. Als Journalist müssen Sie an die Macht des Wortes glauben. Glauben Sie, dass das Parlament die EU zugänglicher für die Bürger Europas macht ?
Ich arbeite an einem faszinierenden Ort, an dem Menschen in 22 Sprachen zusammenarbeiten. Orte wie diesen gibt es nur sehr wenige auf der Welt. Meine Aufgabe ist es, die vielen komplizierten Angelegenheiten, die in den europäischen Institutionen behandelt werden, in einfacher Sprache zu erklären. Ich versuche also zu erklären, dass die Entscheidungen auf EU-Ebene sich tatsächlich auf das Leben eines jeden einzelnen EU-Bürgers auswirken können. Wir Web-Editoren sprechen außerdem jeden an, der Zugang zu einem Computer oder dem Internet hat. Auch in den sozialen Medien sind wir mittlerweile sehr präsent ! Man trifft uns auf Facebook, MySpace, Twitter und in Online-Chatrooms. Auf Flickr veröffentlichen wir außerdem Fotos, die man nicht unbedingt in Zeitungen findet. Wir glauben, dass wir auf diese Art Menschen erreichen können und dass wir umgekehrt auch erreichbar sind. Um damit erfolgreich zu sein, sind wir ständig auf der Suche nach neuen, ansprechenden Möglichkeiten, am Puls der Zeit zu bleiben.
Wie fühlt es sich an, für das demokratischste Organ der EU zu arbeiten und als Journalist quasi außerhalb politischer Debatten zu stehen ?
Natürlich ist das EU-Parlament ein politisches Organ, in dem verschiedene politische Meinungen vertreten werden. Es ist aber interessant, für eine Institution zu arbeiten, die weiß, dass es, um Einfluss ausüben zu können, immer der Bemühung um einen Konsens bedarf. Von einer Arbeitshaltung, die auf einen Konsensus und nicht auf Konfrontation abzielt, profitiert man selbst sehr. Denn tatsächlich ist man durch diese Haltung gezwungen, zuzuhören und über die Meinungen anderer nachzudenken, auch wenn man sie nicht teilt. Und das sollten wir sowohl in der Politik als auch in unserem täglichen Leben tun.
Viele Jahre lang waren Sie Assistenzprofessor an verschiedenen Universitäten. Inwieweit unterscheidet sich diese Tätigkeit von der Arbeit als Pressesprecher bei der EU ?
Erstens bekommt man in einem so interaktiven Umfeld wie dem wissenschaftlichen sofort Feedback. Zweitens hat man mehr Zeit, seine Ideen zu erklären. Und drittens, für mich besonders wichtig, konnte ich nicht nur Wissen, sondern auch meinen persönlichen Enthusiasmus darüber, was Europa für mich bedeutet, vermitteln. Die Europäische Integration und Kooperation sowie die Öffnung der Grenzen haben bei mir einen großen Eindruck hinterlassen - immerhin war ich einer der führenden Köpfe der Studentenbewegung während der Samtenen Revolution und beim Fall der Berliner Mauer. Das alles mitzuerleben gab mir Glauben an Europa und daran, dass das Handeln in einem europäischen Geist wichtiger ist, als einfach im nationalen Kontext zu leben.
Wie frei können Sie Ihre eigene Meinung ausdrücken, wenn Sie für das Europaparlament schreiben ?
Weil ich natürlich nicht unter meinem Namen schreibe, setzt mir die Arbeit als Pressesprecher schon Grenzen. Das ist jedoch sinnvoll, denn die Leute wollen ja nicht lesen, was Pavel, sondern was das Parlament zu sagen hat. Wenn ich Lust dazu habe, meine persönlichen Meinungen auszudrücken, kann ich das in meinem privaten Blog tun. Die Leser erwarten Professionalität von uns und sie sollten - in allen 22 Sprachen - erkennen können, dass das Europaparlament zu ihnen spricht.
Warum kennen sich die EU-Bürger insgesamt eher schlecht aus mit der Politik und den Institutionen der EU ?
Ganz einfach. Die EU scheint weit weg zu sein, obwohl sie auf breiter Ebene vieles beeinflusst. Wenn man in Bremen oder Sevilla lebt, will man zuallererst Lokalnachrichten lesen. Bringt man jedoch einen Bremer mit einem Einwohner Sevillas zusammen, werden sie feststellen, wie viele Gemeinsamkeiten sie haben. So etwas ist dank Mobilität und Kommunikation möglich !
Sie sprechen 13 Sprachen und haben in vielen verschiedenen Ländern gelebt. Wie fühlt es sich an, in einer so multinationalen Stadt wie Brüssel zu leben und in einem so internationalen Umfeld zu arbeiten ?
Es ist herrlich und eine wunderbare Energiequelle ! Mit Menschen aus der ganzen Welt zu tun zu haben bedeutet, ständig andere Sprachen zu sprechen und andere Ansichten und Erfahrungen kennenzulernen. Europäisch denken bedeutet, zu akzeptieren, was uns unterscheidet und herauszufinden, was wir gemeinsam haben. Auf der anderen Seite wird es dadurch aber schwer, außerhalb dieser kleinen, feinen Welt zu leben ! Meine Großmutter sagte immer : Je mehr Sprachen du sprichst, desto mehr Gesichter hast du. Und ein Freund von mir hat mal gesagt : Sei neugierig wie ein Affe, wenn du ein interessantes Leben haben willst. Wer Sprachen mit Neugierde verbindet, erweitert sein Leben. Wenn meine Studenten mich fragen, wie man den europäischen Geist erleben kann, rate ich ihnen, neugierig zu sein.
Denken Sie, dass Brüssel die Ansichten junger Menschen, die in die Stadt kommen, ändert ?
Auf jeden Fall. Die Erfahrung, in einem internationalen Umfeld zu arbeiten oder zu studieren, erweitert ihren kulturellen Horizont, weil sie die Möglichkeit haben, Menschen aus anderen Ländern kennenzulernen und festzustellen, dass sie viele Gemeinsamkeiten haben. Draußen, auf den Brüsseler Straßen, erleben sie dann aber das durch und durch nationale Umfeld Belgiens. Das unterscheidet sich sehr stark von dem internationalen EU-Umfeld, in dem keine andere Wahl bleibt, als sich mit anderen Kulturen auseinander zu setzen. Besonders junge Leute, die herkommen, nehmen diesen großen Unterschied wahr, zwischen der kleinen, feinen Brüsseler EU-Welt, der ‚Brussels Bubble’, und dem Alltagsbetrieb in einer ganz normalen europäischen Hauptstadt, die zufälligerweise neben den EU-Institutionen liegt, den europäischen Geist aber nicht unbedingt teilt.
Was passierte, als Belgien in der zweiten Jahreshälfte von 2010 die EU-Präsidentschaft übernahm ?
Nun ja, plötzlich mussten sie feststellen : „Oh ! Wir müssen mit denen da drüben zusammenarbeiten !“ Aber die Belgier haben natürlich zwei Vorteile : Erstens mussten sie nicht sehr weit laufen, um mit den anderen zu reden, und zweitens ist Belgien eines der EU-Gründungsmitglieder. Viele Belgier haben im Laufe ihrer beruflichen Laufbahn zwischen nationaler und EU-Politik hin und her gewechselt. Europa ist der belgischen Politik nicht fremd. Und Belgien war sehr gut darauf vorbereitet.
Stellen Sie Unterschiede fest zwischen der älteren Generation der EU-Beamten aus ehemals kommunistischen mittel- und osteuropäischen Ländern und der neuen Generation, die in einer offenen, liberalen Welt aufgewachsen ist ? Erleben sie Brüssel auf unterschiedliche Weise ?
Wenn man seine berufliche Laufbahn im Alter von 25 beginnt, passt man sich schnell an die Arbeitsbedingungen an. Dann möchte man nicht unbedingt große Veränderungen, weil man alles von der Pike auf lernen muss. Genau vor diesem Problem stehen ältere Generationen. Wer vorher mit Schreibmaschinen gearbeitet hatte, muss plötzlich lernen, mit dem Computern und dem Internet umzugehen. Manchen fällt es leichter sich anzupassen, als anderen. Dasselbe gilt für die Politik. Die, die hinter dem Eisernen Vorhang unter einem totalitären Regime aufgewachsen waren, hatten keine Meinungsfreiheit und ihre eigene Meinung war nicht erwünscht. Es ist schwer, sich in ein liberales politisches Umfeld einzufügen. Ich denke, dass dies der Grund ist, warum die junge Generation aus Osteuropa so geschätzt wird. Im Gegensatz zu denen, die schon lange hier sind und vieles als selbstverständlich betrachten, sind sie wie Schwämme, sind neugierig und wollen etwas lernen.
Was ist der Schlüssel, um Europa seinen Bürgern näher zu bringen ?
Es gibt nicht ‚die’ eine Lösung. Aber jeder sollte sich darüber bewusst werden, dass sowohl im beruflichen als auch im privaten Umfeld nicht nur eine lokale, sondern auch eine europäische Dimension eine Rolle spielt. Selbstverständlich beinhaltet das Sprachen lernen, reisen und Neugierde ! Konkret bedeutet das, dass Schulen Europaprogramme wie Erasmus oder Konfuzius auch weiterhin nutzen sollten. Lehrer haben unglaublich viel zu tun, aber diese Zusatzangebote sind von zentraler Bedeutung, weil Schüler durch sie erkennen, dass da draußen eine ganze Welt wartet. Der Unterschied zwischen Schülern, die einen Austausch mit Schülern aus anderen Ländern mitgemacht haben, und denen, die diese Erfahrung nicht gemacht haben, ist sehr groß. Dieser Funke, der vom ‚europäisch sein’ überspringt, geht einfach nie wieder weg.


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From reunification to EU communication

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