Sie sind seit 15 Jahren Journalist in Brüssel. Ist Ihnen eine Entwicklung in der Berichterstattung über europäische Themen durch die Journalisten aufgefallen ?
Ganz offensichtlich. Drei Schlüsselereignisse haben den europäischen Journalismus in Brüssel vorangetrieben : der Absturz der Santer-Komission 1999, die Erweiterung der Europäischen Union 2004 und die Einführung des Euros. Wegen dieser Ereignisse haben die Redaktionen mehr Korrespondenten geschickt und die Berichte über europäische Themen haben zugenommen. Bis 2008 konnte man über 1200 Journalisten aus mehr als 70 verschiedenen Staaten zählen (aus den EU-Ländern, aber auch aus Russland, China, Korea, Indien…). Ab 2008 fing die Zahl der Korrespondenten an zu sinken. Heutzutage liegt sie bei 1100.
Wer oder was ist an dieser Erosion Schuld ?
Hauptsächlich die Wirtschaftskrise und die Pressekrise. Ab 2008 sind die Werbeanzeigen gewaltig geschrumpft. Die Redaktionen haben sich dazu entschieden, die Korrespondentenstelle in Brüssel abzuschaffen. Immerhin nimmt die Korrespondentenanzahl seit 2011 nicht mehr ab und bleibt stabil.
Wie hat sich die Geisteshaltung der europäischen Journalisten innerhalb der letzten zwanzig Jahren entwickelt ?
Seit der Erweiterung ist die europäische Familie vielseitiger. Der Standpunkt der Journalisten aus Ost-Europa unterscheidet sich sehr von dem der Journalisten aus den Gründerstaaten. Außerdem hat sich die Umwelt verändert. Das Projekt des Press Club Brussels Europe ist es eben genau, die europäischen sowie die belgischen Journalisten einander näher zu bringen.
Welche Maßnahmen sind geplant ?
Wir wollen uns selber organisieren, unsere eigenen Debatten, unsere eigenen Pressekonferenzen haben. Als Vorbild gilt für uns die Bundespressekonferenz in Deutschland, die seit 1949 existiert, wo die Journalisten in Berlin dreimal pro Woche Sprecher der Ministerien einladen, um in einem unmittelbaren und weniger gezwungenen Rahmen zu sprechen. Ebenso muss man in Brüssel die Denkweise der Sprecher voranbringen.
Wie ?
Der aktuelle Fall des Verteidigungsministers Freiherr zu Guttenberg zeigt die entscheidende Rolle der Journalisten der Bundespressekonferenz, die den Sprecher Angela Merkels boykottiert haben, weil er nicht rechtzeitig Information über diese Angelegenheit geliefert hatte. Eines Tages erwarte ich hier eine solche Demonstration von Solidarität der Korrespondenten während eines Midday briefings, gegenüber der Europäischen Kommission. Unser Ziel ist es nicht, das Verhalten der Sprecher zu ändern, aber es muss möglich sein, aus dem sehr formalen Rahmen des Midday briefings auszutreten, wo die Sprecher lediglich ihre ‚Punkte-die-erwähnt-werden-sollen’-Liste runterleiern. Der Rahmen des Press Club Brussels Europe in Brüssel wird ganz anders sein. Hier werden die Themen sowie die Tagesordnung von den Journalisten beschlossen. Wir werden Themen wählen, die sowohl Journalisten als auch Leser interessieren. Unser Ansatz wird sein, keinen institutionellen Standpunkt durchzusetzen, sondern mehrere verschiedene Perspektiven zusammenzubringen. Auf diese Weise könnten wir zum Thema europäische Klimapolitik einen Industrievertreter, einen Wissenschaftler, den Unterhändler der Europäischen Kommission für Klimakonferenzen und den Präsidenten des Umweltausschusses im Europäischen Parlament einladen.
Wie kann man die Redaktionen, und darüber hinaus die Leser, für europäische Themen interessieren ?
Bürger sowie Redakteure verstehen, dass Europa eine wachsende Rolle im Alltagsleben spielt. In Deutschland gehen zwei Drittel der Bundestagsgesetze auf Vorschriften der Kommission oder auf Initiativen von Mitgliedstaaten zurück. Außerdem stellt man ein bedeutendes Interesse für Europa fest : Anfangs interessierte Europa nur das Politik-Ressort und die allgemeinen Zeitungen. Heutzutage ist es in allen Medien und Ressorts präsent.
Wie kann man die politischen Herausforderungen verständlich machen, die hinter der technischen Komplexität der diskutierten Themen steckt ?
Es stimmt, dass die Komplexität der europäischen Institutionen von den Bürgern schlecht verstanden wird. Aber Europa fehlt offensichtlich in der Erziehung und Bildung. Unter den 500 Millionen europäischen Bürgern ist die Mehrheit sich der europäischen Institutionen noch nie bewusst geworden. In Deutschland haben die Länder Entscheidungsbefugnis über die Bildung. Nun gibt es heutzutage keinen (regionalen) Studiengang, in dem Europa auf dem Lernplan steht. Diese Situation muss man schnell ändern, damit die nächste Bürgergeneration über Europa besser informiert wird !


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